15 Aug, 2018

Profi hilft Mädchen, einen Job zu finden

 

Bockenheim. Kritisch blickt Dirk Menzel auf den Lebenslauf von Fatima Ailli (15). „Sprachen: Deutsch und Arabisch“, liest der Personalberater – und hat gleich einen Tipp. „Das musst Du erklären, schließlich sprichst Du beides fließend.“ Normal berät Menzel Unternehmen bei der Besetzung von Management-Positionen. Der Sophienschülerin gegenüber zu sitzen, ist für den Geschäftsführer der Personal- und Managementberatung „Conusio“ eine neue Erfahrung. Seit sechs Wochen fährt Menzel einmal pro Woche ins Bockenheimer Mädchenbüro und hilft den Jugendlichen bei ihren Bewerbungen.

Für Mädchen und Betreuerinnen ist sein Einsatz ein Glücksfall. „Das ist für uns wie ein Sechser im Lotto“, sagt Maneesorn Koldehofe, Sozialpädagogin in der Einrichtung des Nachbarschaftsheimes Bockenheim. Bereits in der vergangenen Woche wurde das Mädchenbüro reich beschenkt: Unter anderem sechs Computer hat der Lions Club Palmengarten gespendet. Die Spende war für Clubmitglied Menzel Anlass, sich zu engagieren. „Als wir das im Dezember beschlossen, habe ich begonnen, mich fürs Mädchenbüro zu interessieren“, sagt Menzel.

Seit zehn Jahren gibt es das Mädchenbüro am Rohmerplatz, 2005 erhielt die Einrichtung, die 29 elf- bis 16-jährige Mädchen aus Migrantenfamilien bei Hausaufgaben und der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützt, den Integrationspreis der Stadt Frankfurt. Für den Personalberater stellte sich hier vor allem eine Frage: Welche Berufsperspektiven bieten sich diesen Mädchen? Auf sein Angebot hin, Bewerbungstraining anzubieten, sei er mit „offenen Armen“ empfangen worden, so Menzel.

Immer dienstags um 16 Uhr besucht er nun die Mädchen. Acht von ihnen suchen ab Sommer einen Ausbildungs- oder Praktikumsplatz. Menzels Ziel ist es, dass sie alle eine Stelle finden. „Das wird unser erster Meilenstein!“ Damit soll der Einsatz des Personalberaters aber nicht enden. „Ich habe mir keinen Endpunkt gesetzt. Ich mache so lange weiter, wie es gewünscht wird.“

Sozialpädagogin Koldehofe kann das Engagement des Geschäftsmannes gar nicht genug loben: „Zu sehen, dass der ‚Chef' auch nur ein Mensch ist, der ganz normal mit mir spricht, baut viele Hemmschwellen ab.“ Fatima, die Krankenschwester werden möchte, fühlt sich nun viel besser vorbereitet. „In der Schule haben wir nur Bewerbungsvorlagen bekommen, in die wir nur noch unsere Namen einsetzen mussten. Hier mussten wir uns erst einmal überlegen, was wir können und erreichen möchten, und darauf Lebenslauf und Anschreiben abstimmen.“ 200 bis 300 Euro pro Stunde kostet so ein Bewerbungs-Coaching vom Profi normal – die Bockenheimer Mädchen bekommen es umsonst, und die Telefonnummer von Menzel gibt es für Notfälle noch gratis dazu.

Die individuelle Gestaltung der Bewerbung, weiß er, ist der Schlüssel zum Erfolg. Das wüssten aber oft selbst gestandene Manager nicht. „Die haben vor 30 Jahren das letzte Mal einen Lebenslauf geschrieben, das ist dann oft eine Katastrophe.“ Ihnen gegenüber seien die Mädchen zumindest technisch im Vorteil. Denn ihre Unterlagen per E-Mail zu verschicken, ist für sie kein Problem. Zum Einstellungsgespräch ist es dann nur noch ein kleiner Schritt – das Üben der Interviews steht daher als nächstes auf der Tagesordnung. „Dann werden sie mich alle hassen“, schmunzelt Menzel. Dennoch hat er mit seiner Begeisterung schon andere angesteckt: Eine zweite Beraterin von „Conusio“ will ihn demnächst im Mädchenbüro unterstützen. (so)

Quelle: Frankfurter Neue Presse vom 12.04.2006